Sarina Moser
Die Trachtgruppe Dulliken konnte sie als neues Mitglied willkommen heissen
1990 stellte die traditionsreiche Tannzapfe-Zunft zu Olten letztmals den Obernaar. Andrea Della Chiesa alias «Andrea Primo Secondo» erzählt im Gespräch mit der NOZ, weshalb es so lange gedauert hat, erneut einen Obernaar zu stellen, und was ihm während seiner Zeit als Oltens obersten Fasnächtler am meisten am Herzen liegt.
Olten Die Tannzapfe-Zunft zu Olten ist der zweitälteste Fasnachtsverein der Stadt. Am Anfang seiner Geschichte standen Kunstturner des TV Olten, die in den 1930er-Jahren die Lust an der Fasnacht packte. Da letztere während des 2. Weltkriegs eine untergeordnete Rolle spielte, dauerte es jedoch bis zum 4. April 1950, als die offizielle Zunftgründung erfolgte. Mit fortlaufender Zeit machten sich die Tannzapfe einen Namen als Verein, in dem sich insbesondere auch Secondos wohlfühlten. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass die Zunft mit Andrea Della Chiesa nun den ersten Secondo als obersten Fasnächtler stellt – Obernaar Andrea Primo Secondo.
Della Chiesa stiess 2012 zur Zunft und verbreitet seither als Beizensänger Freude in der Fasnachtsgemeinde. Nach einer zunftinternen, anonymen Abstimmung wurde Della Chiesa gemeinsam mit seinem eingebrachten Motto «Habemus Tannzapfia» zum designierten Obernaar erkoren. «Am Ende ist es aber egal, wer zuvorderst steht – wir ziehen es gemeinsam als Zunft durch und jeder hilft mit», so der Obernaar. Gleichwohl ist der Aufwand für das Aushängeschild der diesjährigen Fasnacht nicht zu unterschätzen: «Ich habe mich ein wenig mit den Obernaaren der letzten Jahre ausgetauscht, um zu erahnen, was auf mich zukommt. Wenn du es schliesslich selbst erlebst, ist es aber nochmals ein anderes Paar Schuhe.»
Ungewohnt sei auch das obligate Obernaaren-Fotoshooting gewesen. «Wenn du dich erstmals in diesem Outfit siehst, ist es schon ein komisches Gefühl», so Della Chiesa, der mit seiner Familie in Hägendorf lebt. «Als ich anschliessend aber in der Stadt sah, wie die Obernaaren-Kluft den Kindern Freude bereitet, war das Gefühl sofort verflogen.» Zumal er sich als Obernaar gar nicht zu verstellen habe: «Ich bleibe mir selbst treu. Ich habe Freude am Leben und sehe das Glas stets halbvoll und nicht halbleer. Und genau dies verkörpert die Figur des Obernaar ebenfalls.» Auch Druck verspürt er dabei kaum. «Klar, ich will es gut machen, aber im Vergleich zur Verantwortung, die ich in meinem Beruf trage, ist dies Pipifax.» Della Chiesa arbeitet als Oberarzt in der Klinik für Mund-, Kiefer-, Gesichts- und Oralchirurgie des Kantonsspitals Luzern, wo er sich mitunter um die Behandlung von Lippen-Kiefer-Gaumenspalten von Säuglingen kümmert.
Trotz guter Vorbereitung: Eine Komponente wird auch Andrea Primo Secondo heuer nicht beeinflussen können: das Wetter. Fasnächtler und Publikum durften sich im vergangenen Jahr gleichermassen an einem Umzug mit prächtigen Bedingungen erfreuen. Selbiges erhofft sich Della Chiesa selbstredend auch für die bevorstehende Fasnacht. Zumindest die Fez-Übergabe vom alten zum neuen Obernaar am 10. Januar auf dem Ildefonsplatz bleibt schon mal in bester Erinnerung: «Mit den riesigen Schneeflocken, die vom Himmel fielen, fühlte es sich wie ein Märchen an.»
Dass die Tannzapfe-Zunft heuer den Obernaar stellt, ist insofern speziell, als damit eine 36 Jahre lange Durststrecke ihr Ende nimmt. Zuletzt amtete Heinz Jordi alias Heinz dr 1. im Jahr 1990 für die Zunft als Obernaar. Andrea Della Chiesa erklärt diese lange Durststrecke mit Turbulenzen, die in den Folgejahren herrschten. «Die Zunft wäre fast auseinandergefallen.» Doch durch die Initiative der damaligen Zünfter Marco Fink und Benvenuto Savoldelli habe man wieder aus diesen schwierigen Zeiten herausgefunden.
Heute sind die Tannzapfe gut aufgestellt und dürfen sich über viel Nachwuchs freuen: «Wir haben aktuell neun Anwärter, worüber wir uns sehr freuen. In der Zunft bilden sich Freundschaften und es wird gute Stimmung verbreitet.» Die Obergrenze der Mitgliederzahl liegt bei der Tannzapfe-Zunft übrigens bei 69. Dabei handelt es sich um eine Zahlenspielerei des Gründungsjahres 1950; 19 + 50 = 69.
Nicht nur der Zusammenhalt innerhalb der Zunft, auch jener zwischen den verschiedenen Vereinen zeichne die Oltner Fasnacht in ihrer heutigen Form aus. Etwas, das nicht immer so war: «Die älteren Fasnächtler erzählen davon, dass es früher überhaupt nicht in Frage kam, dass es eine Zunft und eine Gugge miteinander gut haben. Dies hat sich in den letzten Jahren massiv geändert. Und als Obernaar erhältst du nochmals einen ganz anderen Einblick, etwa wenn du in den verschiedenen Zunftlokalen – vom ‹Fröscheteich› der Fröscheweid-Zunft bis hin zum ‹Füechte Loch› der Nachtwächter – vorbeischauen kannst. Diese Zunftlokale sind mittlerweile ein Teil der Oltner Stadtgeschichte.»
Nun freut sich Andrea Della Chiesa auf eine tolle Fasnachtswoche mit vielen Highlights. Dazu gehört für den Obernaar 2026 der Naareschtopf mit dessen Proklamation auf dem Stadtturm. «Ein eindrücklicher Event, weil alle Zünfte in ihrem Kostüm, mit Fackeln und ihren Laternen unterwegs sind. Auch für Aussenstehende lohnt es sich, dies nebst anderen Höhepunkten wie Umzug und Schnitzelbank-Abend einmal vor Ort zu erleben.» Aber auch auf Anlässe, die weniger im Rampenlicht stehen, freut sich Andrea Della Chiesa. Dazu gehört insbesondere auch der Besuch beim Insieme Fasnachtsplausch für Menschen mit Behinderung. «Der Anlass zeigt beispielhaft auf, was die Oltner Fasnacht auszeichnet: Sie ist für alle da.»
Infos zur Tannzapfe-Zunft:
Lade Fotos..