Jasmine Klasen
Im Haus der Museen in Olten steht neu der Kiesel im Rampenlicht
Oltens Citymanager Benjamin Pipa spricht im Interview über den neuen FoodTrail, den Tag der Oltner Modemeile und die Piazza Munzinger. Zudem verrät er, wie die Belebung der Innenstadt mit konkreten Daten belegt werden soll und wie ein digitaler Hub die Oltner Angebote vom Gewerbe über Kultur bis hin zum Vereinsleben zusammenführen könnte.
Benjamin Pipa, seit Juni 2024 sind Sie im Rahmen eines dreijährigen Pilotprojekts in einem 40%-Pensum Citymanager von Olten. Mit welchen Emotionen blicken Sie auf die letzten rund zwei Jahre zurück?
Grundsätzlich bereitet mir die Arbeit unglaublich viel Freude und ich bin am Marschieren und nicht am Spazieren. Meine Hoffnung ist, dass die ganze Basis, die nun geschaffen wird, weiterentwickelt werden kann. Der Pilot dauert noch bis Ende Jahr, aber im Prinzip muss sich die Politik bereits in den kommenden Monaten damit beschäftigen, ob das Citymanagement über das Pilotprojekthinaus fortbestehen soll.
Haben Sie überhaupt Interesse, Citymanager zu bleiben?
Ich bin neben dem Mandat in Olten aktuell daran, mich weiter in den Bereich Citymanagement hineinzuspezialisieren und durfte auch bereits für die Stadt Brig-Glis ein Citymanagement-Konzept schreiben. Zudem findet demnächst ein Citymanagement-Kongress statt, an welchem ich am Podium teilnehmen darf. Daraus können wiederum spannende Projekte gemeinsam mit anderen Städten entstehen. Die Materie interessiert mich also sehr. Kurz: Ich kann mir sehr gut vorstellen, weiterzumachen.
Wie gehen Sie mit Kritik um?
Ich suche zu jeder politischen Couleur den direkten Draht und das funktioniert eigentlich sehr gut. Überhaupt ist es wichtig, dass es Leute gibt, die genau hinschauen. Konstruktive Kritik gehört dazu, damit man sich auch selbst hinterfragt.
Die Citytaxe der Stadt wurde überarbeitet, damit ein Teil davon neu in Projekte des Citymanagements fliessen kann. Wie stark entlastet dies Ihre Arbeit?
Tatsächlich sind in der Pilotphase die eigentlichen Projektmittel vergessen gegangen. Grundsätzlich wurden mit dem Geld, das von «Gewerbe Olten» und der Stadt Olten gesprochen wurde, einzig die Lohnkosten gedeckt. Selbst für jede Visitenkarte, jeden Flyer musste ein Sponsor gefunden werden – dies war entsprechend zeitaufwendig. Das ist aber okay und dessen war ich mir auch von Beginn weg bewusst. Die zusätzlichen Mittel geben mir jedoch die Möglichkeit, gewisse Projekte zu starten und parallel dazu die Finanzierung zu sichern.
In diesen Wochen sind Sie gleich mit mehreren Projekten in aller Munde. So wurde letzte Woche der Oltner FoodTrail, eine kulinarische Schnitzeljagd, eröffnet. Ohne zu viel zu verraten: Weshalb ist dieser seinen Ticketpreis wert?
Das Konzept FoodTrail hat mich sehr begeistert, als ich diesen selbst in einer anderen Stadt erleben durfte. In Olten startet die Rätseltour beim Haus der Museen, wo die Teilnehmenden einen Rätselbogen und Gutscheine erhalten. Anhand verschiedener Hinweise gilt es, die nächste Genussstation zu finden, wo der jeweilige Gutschein eingelöst werden kann. Vor Ort werden die Teilnehmenden kulinarisch verpflegt und erhalten das nächste Rätselblatt. Dadurch kann Olten – im Übrigen beide Stadtseiten – während rund vier Stunden auf eine sehr sympathische Art und Weise entdeckt werden.
Welche Resonanz haben Sie bisher zum FoodTrail erhalten?
Die Testgruppen waren sehr begeistert, nicht zuletzt auch von der Freundlichkeit der teilnehmenden Gastronomen und Läden. Insbesondere der Samstag ist aktuell stets gut ausgebucht.
Gehört ein Angebot wie der FoodTrail nicht eher in das Aufgabengebiet von Region Olten Tourismus (ROT)?
Der Geschäftsführer von ROT Stefan Ulrich und ich stehen in intensivem Austausch. Der Name «Region Olten Tourismus» sagt bereits, dass sie für die Region als Ganzes zuständig sind. Mein Ziel ist es wiederum, die Frequenzen in der Stadt zu erhöhen, und hierfür lanciere ich im Sinne eines Stadtmarketings entsprechende Projekte. Gleichzeitig sollen die Synergien genutzt werden, wofür der FoodTrail ein perfektes Beispiel ist: Die Stadt stellt mit dem Haus der Museen den Startpunkt zur Verfügung, ROT unterstützt bei der Vermarktung, das Gewerbe ist involviert und das Citymanagement kann das Ganze orchestrieren.
Wie gross sind Ihre Freiheiten bei neuen Projekten? Müssen die Stadt und «Gewerbe Olten» diese zuerst bewilligen?
Im Grundsatz bin ich in meinem Tun relativ frei und das schätze ich sehr. Die Themen, die ich angehe, werden im Roundtable mit den involvierten Akteuren besprochen. Es ist im Prinzip auch eine Echogruppe, wo ich spüre, was auf Anklang stösst und was nicht.
Morgen Samstag, 25. April, geht der zweite Tag der Oltner Modemeile über die Bühne. Welches Feedback haben Sie zur Premiere erhalten und inwiefern spiegelt sich dieses beim bevorstehenden Anlass wider?
Ich habe in allen Läden vorbeigeschaut, um ihre Erkenntnisse abzuholen. Einige Geschäfte haben stark profitiert, andere vielleicht eher dahingehend, dass Menschen aufgrund des Stempelkarten-Wettbewerbs einen Laden betreten haben, in dem sie zuvor noch nie waren – quasi der «Aha-Effekt». Jemand anderes hatte wiederum einen einzigen Neukunden – aber die Person hatte dermassen viel Freude daran, dass sie auch heuer wieder teilnimmt. Gemeinsam in der Stadt etwas auf die Beine zu stellen, kommt einfach gut an. Und was für die Geschäfte ebenfalls positiv ist: Der organisatorische Aufwand hält sich in Grenzen.
Dass die positiven Rückmeldungen überwogen haben, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass heute mehr Geschäfte als im Vorjahr, insgesamt 19, am Start stehen. Es sind bewusst inhabergeführte Läden und keine Ketten, um jene sichtbar zu machen, die täglich mit viel Herzblut und persönlichem Engagement in ihren Geschäften stehen.
Was ist bei der zweiten Ausgabe neu?
Neu ist, dass wir in diesem Jahr auch die Hauptgasse und die Baslerstrasse involvieren. Und als besonderen Höhepunkt gibt es eine «Urban Street Fashion Show», eine Parade, die von Laden zu Laden zieht und von Saxofonist Fabian Capaldi musikalisch begleitet wird. Was letztes Jahr nicht funktioniert hat, ist das eigene Gastrokonzept, weshalb wir diesmal darauf verzichten – schliesslich gibt es genügend Cafés und Restaurants in wenigen Metern Entfernung, die sich über Kundschaft freuen.
Ab dem 13. Mai geht auch die «Piazza Munzinger» in die zweite Runde und dauert bis am 26. Juli – vier Wochen länger als 2025.
Dafür werden in diesem Jahr 15 Parkplätze weniger beansprucht! (schmunzelt).
Eigentlich hatte ich mir die Parkplatz-Frage ja für später aufgehoben, aber wo wir gerade dabei sind...
Diese Anpassung ist beispielsweise das Resultat eines kritischen Inputs. Wir haben die Besucher der Piazza befragt, die der Aufhebung der Parkplätze gegenüber natürlich eher positiv gestimmt sind. Wir haben im Nachgang aber auch das Gewerbe befragt, von welchem entsprechende Rückmeldungen kamen. Nun haben wir einen gutschweizerischen Kompromiss gefunden.
Zudem soll der Bereich auf dem angrenzenden Platz der Begegnung besser genutzt werden.
Genau. Überhaupt wird die Piazza in diesem Jahr eine ganz tolle Sache. Fast jedes Wochenende wird sie von Vereinen und Gruppen bespielt. Darin zeigen sich die Breite und das Engagement in unserer Stadt, wo Menschen ihre Freizeit hergeben, um ein tolles Sommer-Event auf die Beine zu stellen.
Die lokal verankerte Tschinscher GmbH ist stark in der Piazza Munzinger involviert. Wie genau läuft diese Zusammenarbeit ab?
Die Piazza Munzinger ist ein städtisches Projekt, bei welchem das Citymanagement im Auftrag der Stadt die Koordination und Kommunikation übernimmt mit Unterstützung der Tschinscher-Crew. Für sie ist es eine Herzensangelegenheit: Sie stellen ihre Bar praktisch jedes Wochenende einem Verein auf der Piazza zur Verfügung, wofür sie lediglich eine kleine Umtriebsentschädigung erhalten. Zudem organisieren sie einen Opening- und Closing-Event sowie drei Pubquiz – und falls es ein schöner Sommerabend ist und sonst niemand die Bar benützt, öffnen sie diese vielleicht spontan. Auch dank den Kontakten von Tschinscher sind bis jetzt bereits 10 von 12 Wochenenden belegt und diese Lücken können wir hoffentlich auch noch füllen.
Über die Citymanagement-Website können Personen Ideen zur Attraktivierung und Belebung der Oltner Innenstadt einreichen. Wird dieses Tool oft benutzt?
Es sind durchaus erfrischende Eingaben, die gemacht werden. Jemand sieht es beispielsweise als Aufgabe des Citymanagements an, die vielen grauen Wände der Stadt zu verschönern, was allerdings ein ziemlich komplexes Unterfangen ist und daher für den Moment einfach mal auf dem Tisch liegt.
Jemand anderes fragte an, ob man in der Stadt ein Piano zur freien Nutzung aufstellen könnte, wie es von den Bahnhöfen her bekannt ist. Etwas, das auch ich mir gut vorstellen könnte. Da sich dieses aber nicht permanent am selben Standort befinden sollte, laufen aktuell Überlegungen, wie das Piano mobil und vandalensicher gemacht werden könnte.
Zu Ihren Hauptaufgaben gehören die aktive Förderung und Bewirtschaftung leerstehender Gewerberäumlichkeiten sowie die Unterstützung von Hauseigentümern bei der Neubesetzung freier Flächen. Welches sind hier die grössten Knackpunkte?
Inzwischen erhalte ich erste Anfragen von Personen, die eine Geschäftsidee haben, welche sie gerne in Olten umsetzen würden. Der grösste Knackpunkt ist aber schon, dass es noch zu wenig Ansiedlungsanfragen gibt. Daher ist jede Anfrage, die reinkommt, eine dankbare Aufgabe für mich. Dann muss geschaut werden, ob die Idee und die Qualität stimmen. Ich versuche auch andere Mietmodalitäten wie eine Staffel- oder Umsatzmiete, statt Fixpreise ins Spiel zu bringen. Die Eigentümer zeigen sich durchaus gesprächsbereit, sie wollen ihre Immobilie aber natürlich nicht entwerten; der Buchwert soll gleichbleiben.
Wird eigentlich gemessen, wie sich der Leerbestand im Oltner Gewerbe in den letzten Jahren entwickelt hat?
Seit meinem Start ist ein Leerstands- und Ansiedlungstool im Einsatz, das einen Überblick gibt. Die Altstadt ist im Moment recht gut ausgelastet. Ein kleines Sorgenkind für mich ist die Ringstrasse. Daher ist es toll, dass die Hammermetzg in die ehemalige McOptik-Filiale einziehen wird. Dies ist ein Fall, in welchem das Citymanagement die Parteien vermitteln und zusammenbringen konnte. Nebenan eröffnete im Februar mit Amari zudem ein Jungunternehmen, das in Dulliken seine Anfänge hatte, einen Showroom. Das sind schöne Geschichten.
Welcher Punkt kommt zu wenig zur Geltung, wenn es um das Thema Citymanagement geht?
Für mich sind Daten sehr wichtig. Ich bin zwar eher ein kreativer Mensch, doch die Daten sind der Impulsgeber, der aufzeigt, dass kreative Massnahmen erfolgreich sein können. Deshalb führen wir das Leerstands- und Bestandesregister. Wird dieses an die Umfrage «Vitale Innenstädte» gekoppelt, die im Herbst 2024 durchgeführt wurde – und auch in diesem Herbst wieder stattfindet –, lassen sich daraus gewisse Massnahmen ableiten. Einige wurden bereits umgesetzt, beispielsweise konsumfreie Sitzgelegenheiten oder das Schaffen von zusätzlichen Erlebnissen mit dem FoodTrail. Der Punkt mit den Daten führt aber noch wesentlich weiter: Das Legislaturziel des Stadtrats sieht eine Zunahme der Passantenfrequenz in der Innenstadt von 10 % vor.
Wie lassen sich diese Frequenzen messen? Stehen die Stadträte mit Handzählern in der Innenstadt?
Ich wollte ein in Deutschland und in der Schweiz bereits etabliertes System beschaffen. Doch kluge Menschen haben dafür gesorgt, dass die benötigte Infrastruktur in Olten eigentlich schon existiert – die Lichtkandelaber der Aare Energie AG, an welchen Sensoren angebracht sind, die auch Passantenfrequenzen messen können. Jetzt sind wir daran, diese so zu optimieren, dass die Bewegungen auf beiden Stadtseiten bei etwa fünfzehn Messpunkten auch tagsüber registriert werden können. Der Fokus liegt dabei aber auf Tendenzen, nicht auf der konkreten Anzahl Personen, weil ja nicht klar ist, wie oft dieselbe Person an einer Messstation vorbeiläuft. Mein Ziel ist, dass wir bis zum Spätsommer mit dem Messen beginnen können, damit wir zumindest einen «Key Performance Indicator» haben, ob und wie die Innenstadtbelebung funktioniert. Mein Gedanke ist es, die Daten künftig mit der Anzahl Verkäufe von auserwählten Läden zu ergänzen. Daran könnte man ablesen, ob die Verkäufe eher steigen oder sinken, wenn Events in der Stadt stattfinden. Dann ist es nicht länger einfach nur ein Bauchgefühl, sondern belegbar. All dies mündet im Idealfall in einem Oltner Datenhub.
Wie könnte ein solcher Datenhub konkret aussehen?
In einem ersten Schritt bauen wir unsere Stärken aus. Zu diesen gehört das Thema «Seminarstadt». Daher wurden, initiiert durch das Citymanagement, in relativ kurzer Zeit 80 Seminarräume erfasst, die in der ersten Maihälfte auf der Website seminarstadt.ch publiziert werden. Auf dieser Plattform können Interessierte aus der ganzen Schweiz die Seminarräume ganz nach ihren Bedürfnissen filtern und anfragen.
In einem weiteren Schritt folgen dann die Hotels, die Gastronomie, die Läden, Vereine und mehr, die schlussendlich auf einer gemeinsamen Plattform zusammengeführt werden. In Basel existiert bereits ein ähnliches Angebot in der Form von BaselLive. Lustigerweise stammt das Gestaltungskonzept dieser Website aus Olten. Schlussendlich geht es in allen Projekten darum, Olten ein wenig urbaner, cooler und zugänglicher zu positionieren.
Gibt es sonst noch einen Punkt, den Sie aufgreifen möchten?
Jenen des hybriden Geschäftsmodells, d. h., die Mischung aus Einkaufen vor Ort sowie online. Ich darf sagen, meine Frau, die in Olten eine Kinderboutique besitzt, macht dies hervorragend. Wenn im Laden gerade nichts läuft, macht sie etwa Instagram-Storys und kümmert sich um Bestellungen, die online eingegangen sind. Ich versuche, andere Gewerbetreibende dahingehend zu motivieren, im Onlinebereich aktiver zu werden. In Zusammenarbeit mit der HKV Aarau und dem BBZ Olten hat das Citymanagement nun einen Kurs angeboten, der soeben gestartet ist. Er soll helfen, das Online-Potenzial besser auszunutzen. Das fängt bereits dabei an, die Öffnungszeiten auf Google sauber aufzuführen und die digitale Sichtbarkeit zu stärken. Wenn diese einzelnen Kompetenzen gestärkt werden, wird auch die digitale Präsenz Oltens als Ganzes angehoben.
Interview: David Annaheim
Die NOZ verlost 1 x 2 Tickets für den neuen Oltner FoodTrail. Zum Mitmachen senden Sie eine E-Mail mit dem Betreff «FoodTrail» an verlosung@noz.ch. Name und Adresse nicht vergessen. Teilnahmeschluss ist der Donnerstag, 30. April.
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