Michele Macagnino
Der Vorstand des FC Olten im grossen Interview
Seit 40 Jahren dokumentiert Hans A. Sigrist die Geschichte von Hägendorf. Nun ist der 9. Band der «Hägendörfer Jahrringe» erschienen – und stiess bei der Vernissage auf grosses Interesse.
Hägendorf Die «Hägendörfer Jahrringe» begleiten Hans A. Sigrist (82) inzwischen fast sein halbes Leben: Seit 1986 erscheinen sie in der Regel alle fünf Jahre und halten verschiedenste Kapitel aus der Historie der Untergäuer Gemeinde fest. Am vergangenen Freitag präsentierte Sigrist in der Raiffeisen Arena nun den bereits 9. Band. Nachdem die feierliche Abgabe der letzten Ausgabe vor fünf Jahren wegen der Corona-Pandemie ausfallen musste und durch eine Freiluft-Standaktion ersetzt wurde, war der Andrang diesmal umso grösser. Rund 150 Personen sicherten sich eines der ersten der insgesamt 1500 Exemplare und nutzten die Gelegenheit, während rund einer Stunde aus erster Hand mehr über den Inhalt des neusten Bands vom Hägendörfer «Herr der Ringe», wie ihn ein Vernissagegast schmunzelnd nannte, zu erfahren.
Hägendorfs Gemeindepräsident Andreas Heller strich in seinem Begrüssungswort die besondere Leistung Sigrists hervor: «Es ist ein Ausdruck einer schier endlosen Ausdauer, von Leidenschaft und vor allem auch eines tiefen Verantwortungsgefühls gegenüber der gemeinsamen Dorfgeschichte», so Heller. Er verwies auf das Zitat des bekannten Bildungsreformers Wilhelm von Humboldt: Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft! «So erzählen auch die Jahrringe davon, woher wir kommen, wer wir sind und was unser Dorf geprägt hat.» Sigrists Bücher würden sichtbar machen, was sonst wohl unsichtbar bliebe und in Vergessenheit geriete.
Der neue Band umfasst 16 Beiträge zur Dorfgeschichte. So blickt der Beitrag «Bahnstation Hägendorf» auf rund 150 Jahre Bahngeschichte im Dorf zurück, welche mit dem Umbau zum barrierefreien Bahnhof 2025 ihr jüngstes Kapitel schrieb. Ein weiterer Text zeigt den Wandel in der Viehhaltung: Während es 1850 im Dorf beispielsweise noch 112 Rindviehhalter gab, existierten Stand 2025 nur noch drei bewirtschaftete Tal- und sechs Berghöfe, die Vieh halten.
Auch die kirchliche Geschichte wird beleuchtet – von freudigen Ereignissen wie Glockeneinweihungen bis zu düsteren Kapiteln, zu welchen auch die Hexenverfolgungen gehören. Im 16. Jahrhundert fiel nämlich auch eine Hägendörferin diesen zum Opfer. Fasinon Dichtli, so der dorffremde Name der Frau, war angeklagt, mit Hilfe des Teufels «Schadenzauber» angerichtet zu haben. Da sie kein Geständnis ablegte, wurde sie kahlgeschoren und untersucht. Als dies keine Ergebnisse brachte, wurde das Verhör unter Folter fortgesetzt – unter anderem mit Ruten, Daumenschrauben und glühenden Eisen. So lange, bis sie alles gestand, was man von ihr hören wollte. Die am 14. Juli 1582 verkündete Strafe lautete: Sie solle auf eine Leiter gebunden, lebendig ins Feuer gestürzt und zu Asche verbrannt werden.
Neben historischen Entwicklungen rücken auch Persönlichkeiten in den Fokus. Porträtiert wird etwa Carlo Pestoni († 2000); das Dorforiginal zog mit seiner auffälligen Kleidung jeweils viele Blicke auf sich. Auch der Bildhauer Walter Rupp wird gewürdigt, der sich in seinem Schaffen vor allem der weiblichen Figur widmete. Eine seiner Skulpturen steht seit rund 70 Jahren beim Frohheim-Schulhaus in Olten – und blieb anfänglich nicht ohne Kritik: Mütter äusserten sich besorgt darüber, dass Jugendliche an «dieser herausfordernden Figur vorübergehen» müssten. Es ist dies einer von zwei Beiträgen der aktuellen Jahrringe, die nicht aus Sigrists Feder stammen. Verfasst wurde er von Christian Schumacher. Edith Hiltbrunner hat zudem die verdienstvolle Arbeit des 1980 aufgelösten Landfrauen-Vereins des Dorfes genauer unter die Lupe genommen; dies anhand wiederentdeckter Protokolle.
Nach der Veröffentlichung des 9. Bands stellt sich selbstredend die Frage nach einem Jubiläumsband. Ob dieser in fünf Jahren erscheint, lässt Sigrist offen. In seiner Danksagung im aktuellen Band zitiert er diesbezüglich Rainer Maria Rilke: «Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn.»
Die «Hägendörfer Jahrringe» werden auf der Gemeindekanzlei kostenlos an die Bevölkerung abgegeben und sind auch auf E-Periodica, einer Online-Plattform der ETH-Bibliothek, einsehbar. Finanziert wird das Projekt durch die Einwohner- und Bürgergemeinde Hägendorf mit Unterstützung des kantonalen Lotteriefonds.
David Annaheim
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