Pascal Jörg
Er zieht gegen die Solothurnische Gebäudeversicherung vor Verwaltungsgericht.
Seit gut vier Jahren steht der heute 19-jährige Janik Lüscher aus Däniken als Schiedsrichter auf den Fussballplätzen der Region. Im Interview spricht er darüber, was ihn antreibt, weshalb er den Einsatz von Bodycams befürwortet und wie er mit Fehlentscheidungen umgeht.
Janik Lüscher, die Schiedsrichterei ist bereits in jungen Jahren Ihre Leidenschaft. Wie kam es dazu?
Mein Vater war viele Jahre als Fussballer aktiv. Auch ich begann mit sechs Jahren beim FC Winznau Fussball zu spielen. Später schaffte ich es in eine Kantonalauswahl und absolvierte danach Probetrainings beim FC Aarau. Dort reichte es aber nicht ganz, weshalb ich den Grossteil meiner «Fussballkarriere» beim FC Winznau verbrachte. Schon zu dieser Zeit interessierte ich mich für die Schiedsrichterei. Denn schon da war klar: Ich weiss immer alles besser (lacht).
Wann standen Sie erstmals als Schiri auf dem Platz?
Im Sommer 2022 absolvierte ich mit 14 Jahren meine Grundausbildung an der Schiedsrichter-Sportwoche auf der Lenzerheide. Anschliessend folgten meine ersten Einsätze. Der Einstieg erfolgt bei den C-Junioren in drei Stufen. Beim ersten Spiel wird man von einem erfahrenen Schiedsrichter auf dem Spielfeld begleitet. Beim zweiten Spiel ist ein «Schiri-Götti» dabei, der dich vor und nach der Partie sowie in der Pause unterstützt. Beim dritten Spiel wird man gecoacht und anschliessend bewertet. Anhand dieser Bewertung erfolgt die definitive Zulassung für die C-Junioren. So konnte ich mich in den letzten Jahren Stufe um Stufe hocharbeiten, wurde in die Talentgruppe des
Solothurner Fussballverbands SOFV aufgenommen und darf nun in der 2. Liga Spiele leiten.
Andere Vereine bekunden Mühe, genügend Schiedsrichter zu finden, der FC Winznau überhaupt nicht. Woran liegt dies?
Dies liegt insbesondere an Herbert «Hebu» Rieder. Wie er die jungen Schiedsrichter betreut und seine Zeit investiert, ist mehr als vorbildlich und hat grösstes Lob verdient. Er ist auch mein Schiri-Mentor im Verein, gibt mir viel Rückhalt und schaut oft an Partien vorbei, um mir Feedback zu geben. Was der Verein aber aktuell sucht, sind «Mini»-Schiedsrichter. Dabei handelt es sich um ein neues Programm vom Verband, das zum Ziel hat, auch bei den D-Junioren ausgebildete Klub-Schiedsrichter einzusetzen.
Welche Fähigkeiten muss ein Schiri grundsätzlich mitbringen?
Es geht nicht nur darum, wie du pfeifst. Ein Schiedsrichter hat eine Vorbildfunktion, muss pünktlich am Spielort sein, korrekt auftreten, administrative Aufgaben erledigen sowie regelkundig und konditionell fit sein. Die wichtigste Fähigkeit ist aber, die Freude an der Schiedsrichterei auf den Plätzen zu teilen.
Woran muss bei einem Schiedsrichtereinsatz alles gedacht werden?
Wir bereiten uns individuell auf die Einsätze vor. Dazu gehört, sich einen Überblick über die Tabellensituation, Strafpunkte, Spielkonstellation und besondere Vorkommnisse aus früheren Partien zu verschaffen. Zudem muss an Dokumente wie das Ereignis- und Deckblatt gedacht werden. Nach dem Match erfolgt die rechtzeitige Eingabe des Resultats sowie des Spielberichts. Darin werden Verwarnungen, Ausschlüsse, Tore und weitere Ereignisse festgehalten. Man ist somit nicht nur während, sondern auch vor und nach dem Spiel Schiedsrichter.
Das Regelbuch des «International Football Association Board» umfasst 139 Seiten. Wie behalten Sie gerade bei selten angewendeten Regeln den Überblick?
Auf football.ch gibt es ein Regelquiz für Schiedsrichter, das ich regelmässig absolviere. Je präsenter die Regeln sind, desto schneller kann ich sie abrufen und auf dem Platz Entscheide fällen. All dies nützt aber wenig, wenn man falsch steht. Ein Penalty kann von der Mitte des Spielfeldes aus viel schlechter «verkauft» werden als direkt am Sechzehner. Regelkunde und Kondition müssen also stimmen, um gute Entscheidungen zu treffen.
Klingt nach viel Verantwortung.
Ja, aber es ist auch schön, diese Verantwortung bereits in jungen Jahren übernehmen zu dürfen. Ab der 2. Liga stehen dir als Schiedsrichter zudem zwei Assistenten zur Seite, welche dich während des Spiels unterstützen. Dabei trage ich die Verantwortung für das gesamte Trio, was zugegeben eine grosse Verantwortung ist, jedoch auch riesig Spass macht.
Welche Entlöhnung erhalten Sie als Amateur-Schiedsrichter?
Für mich war es bisher ein angenehmer Zustupf zu meiner Ausbildung. Für ein 2.-Liga-Spiel erhalte ich beispielsweise 170 Franken. Darin sind allerdings Anreise, Ausrüstung, Vorbereitung und mehr enthalten. Reich wird man damit nicht, aber ich mache es auch nicht des Geldes wegen. Es ist mein Hobby, meine absolute Passion. Andere machen in ihrer Freizeit Musik, ich liebe es, Schiedsrichter zu sein.
Erfahren Sie vom Spielfeldrand genügend Respekt?
Der Respekt fehlt leider immer häufiger und Beleidigungen nehmen zu. Das ist nicht aus der Luft gegriffen, die Zahlen belegen dies. Gegenüber Zuschauern haben wir als Schiedsrichter kaum Handlungsmöglichkeiten, ausser bei rassistischen oder sexistischen Bemerkungen. Bei Spieloffiziellen können wir jedoch reagieren: Wo möglich suchen wir den Dialog. Je nach Schwere des Vergehens folgen direkte Massnahmen wie gelbe oder rote Karten. Das genaue Strafmass bestimmt jedoch die Wettspielkommission des Regionalverbands. Ich rapportiere lediglich die Tatsachen, wie ich sie wahrgenommen habe.
Welche Verantwortung tragen die Vereine bei Ausschreitungen?
In derlei Situationen ist es wichtig, dass die Vereine selbst ein Zeichen setzen und die Vorfälle nicht verharmlosen. In den letzten Jahren gab es vermehrt verbale oder gar tätliche Angriffe. Emotionen gehören zu unserem Sport dazu, Gewalt aber in keinster Weise. Vereine müssen Tätern konsequent Platzverbote erteilen und dies auch vehement durchsetzen.
Als Schiri ist man oft der Buhmann. Wie gehen Sie damit um?
Ich bin mir meiner Rolle bewusst. Ausser meiner Familie und meinen Freunden kommt wegen mir niemand ans Spiel. Für manche sind wir womöglich ein notwendiges Übel. Umso schöner ist es, wenn dir Spieler und Spieloffizielle nach dem Spiel die Hand geben und sich für den Einsatz bedanken. Das gibt uns Kraft und ist mit einem Sieg vergleichbar. Dass die Clubs während der Partie nicht immer derselben Meinung sind wie der Schiedsrichter, ist allerdings ganz normal.
Wie gehen Sie mit Entscheidungen um, bei denen Sie selbst unsicher sind?
Ich versuche möglichst transparent zu kommunizieren. Ich sage den Spielern nicht: «Ich weiss nicht, ob ich richtig lag», sondern: «Ich habe es so wahrgenommen. Sollte meine Wahrnehmung falsch gewesen sein, entschuldige ich mich.» Dies wird in der Regel auch so akzeptiert, weil die Spieler wissen, dass sich ein Tatsachenentscheid nicht rückgängig machen lässt.
2025 waren Sie Teil eines Bodycam-Pilotprojekts des SOFV. Worum ging es dabei konkret?
Alle Schiedsrichter der Talentgruppen in der 3. bis 5. Liga wurden mit einer Bodycam ausgestattet. Diese kam auch bei speziellen Partien, etwa im Cup, zum Einsatz und diente dem Schutz der Schiedsrichter. Die Rückmeldungen aus Schiedsrichterkreisen waren sehr positiv. Auch hier belegen die Zahlen, dass Übergriffe und verbale Beleidigungen dadurch abgenommen haben.
Ich musste die Bodycam zum Glück nur selten aktiv einsetzen. Wo nötig, half sie durchaus, die Situation zu beruhigen. Ich habe mich auf dem Platz zwar nicht anders verhalten, es war aber eine zusätzliche Absicherung. Die Spieler waren zudem sehr interessiert daran, wie die Kamera funktioniert und es kamen Fragen in der Form von «Wie, werde ich jetzt aufgezeichnet?» bis hin zu «Komme ich jetzt im Fernsehen?» (schmunzelt).
Und? Werden die Spieler während der Partie aufgezeichnet?
Die Kamera zeichnet das ganze Spiel passiv auf. Sobald ich den entsprechenden Knopf betätige, werden ab diesem Zeitpunkt die letzten 30 Sekunden rückwirkend «scharf» geschaltet. Gleichzeitig läuft die Kamera aktiv weiter, bis ich den Stopp-Knopf betätige. Dieses Material wird dann sofort in eine Cloud hochgeladen. Auf die Aufnahmen selbst hatte ich aber keinen Zugriff. Ich konnte die Bilder also auch nicht für meine Rapporte oder Ähnliches verwenden. Das Material wäre vom Verband einzig dann benutzt worden, wenn es zu körperlichen oder verbalen Angriffen gekommen wäre.
Wie analysieren Sie Ihre Spiele? Profis haben den Vorteil, auf TV-Bilder zurückgreifen zu können.
Der Chef unserer Talentgruppe Didi Schoch sagt stets, wir müssen selbst unsere schärfsten Kritiker sein. Auf dem Platz merke ich relativ schnell, wenn ich wahrscheinlich eine falsche Entscheidung getroffen habe. Nach dem Spiel reflektiere ich die Szene und hinterfrage, was verbesserungswürdig ist und wie ich es das nächste Mal besser machen kann. Inzwischen werden aber auch Amateurspiele oft mit einer «Veo-Cam» aufgenommen, einem KI-unterstützten Kamerasystem. Vor der Partie frage ich die Trainer, ob sie mir das Video anschliessend schicken können. Das hilft mir einerseits, meine Entscheidungen zu analysieren, andererseits aber auch zu sehen, wie ich von aussen wahrgenommen werde.
Nachwuchsfussballer haben Messi, Ronaldo und Mbappé. Wie heissen die Idole bei den Schiris?
Auch wir haben unsere Vorbilder. Dazu gehört natürlich Schiri-Legende Pierluigi Collina. Mich hat aber auch der Deutsche Deniz Aytekin mit seiner ruhigen, souveränen Spielleitung beeindruckt. In der Schweiz orientiere ich mich aktuell an Sandro Schärer, Urs Schnyder und weiteren Schiedsrichtern. Sie sind dort, wo ich in Zukunft hinwill. Von jedem versuche ich etwas mitzunehmen, um selbst der Schiedsrichter zu werden, der ich sein möchte.
Was für Ziele verfolgen Sie konkret in Ihrer bevorstehenden Schiedsrichter-Laufbahn?
Ich unterscheide zwischen Zielen und Träumen. Zunächst will ich mich in der 2. Liga etablieren und anschliessend die 2. Liga inter anstreben. Zudem habe ich mir das Ziel gesetzt, mit etwa 22 Jahren in die nationale Referee Academy aufgenommen zu werden. Ich träume wiederum davon, einmal in der Super League oder gar in der Champions League pfeifen zu können. Aber das Nonplusultra wäre es natürlich, an einer Weltmeisterschaft im Einsatz zu stehen.
Interview: David Annaheim
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