Michele Macagnino
Der Vorstand des FC Olten im grossen Interview
Nachdem der in Wangen bei Olten wohnhafte Johannes Kaufmann 2024 mit seinem Buchdebüt «Herr Doktor, miis Büsi…» einen Bestseller-Erfolg landete, ist nun seine zweite Kurzgeschichtensammlung erschienen. Im Gespräch spricht der Autor über berührende wie auch stressige Episoden aus seinem Tierarzt-Leben und berichtet über seine leidenschaftlichen Hilfsprojekte.
Region «Herr Doktor, miis Büsi… 2.0» lautete der naheliegende Titel von Johannes Kaufmanns literarischem Zweitling, in welchem er heitere wie traurige Tiergeschichten aufgreift, die er selbst erlebt oder erzählt bekommen hat. Diesbezüglich kann er auf einen grossen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Erstmals war er 1983 in einer Praxis in Willisau als Tierarzt tätig. «Mein ganzes Studium finanzierte ich seinerzeit durch Einsätze im Notfalldienst – etwa bei der Geburt von Kälbern oder Zicklein», erklärt Kaufmann. Anschliessend zog es ihn in die Forschung nach Gambia und an die Uni Bern, ehe er 1998 in der Clinton-Ära mit der ganzen Familie zu Forschungs- und Zusammenarbeitszwecken als Diplomat nach Washington D.C. zog.
Als Kaufmann nach vier Jahren USA in die Schweiz zurückkehrte und noch einige Jahre als Leiter der Innovationsförderagentur des Bundes amtete, merkte er, dass sein Herz nach wie vor für die Arbeit mit den Tieren schlägt. «Wie konnte ich mich so weit von meinem angestammten Traumberuf wegentwickeln», fragte er sich. Nach einer Wissensauffrischung an der Uni Bern eröffnete er schliesslich mit 54 Jahren seine eigene Tierarztpraxis Homberg in Wangen bei Olten. «Dort merkte ich auch, dass hinter jedem Tier, das in die Praxis kommt, eine Geschichte steckt.» Eine Auswahl davon gab es schliesslich in seinem 2024 erschienenen Bestseller «Herr Doktor, miis Büsi…» zu lesen.
Nun also ist der Nachfolger «Herr Doktor, miis Büsi... 2.0» erschienen, in welchem keine der 44 Kurzgeschichten erfunden ist. «Wer praktiziert, hat jeden Tag 20 bis 30 Konsultationen – es kommt also so einiges zusammen», schmunzelt Kaufmann. So etwa die Dame, die mit grosser Sonnenbrille und noch grösserem Ego ihren Chihuahua in der Louis-Vuitton-Handtasche vorbeibrachte und bei diesem ein Burn-out vermutete. Die Diagnose von Kaufmann war indes eine andere: «Ihr Hund leidet nicht an Burn-out, sondern an Ihnen.» Oder die Episode, in welcher eine private, selbsternannte «Tierschutzgruppe» einen fälschlicherweise als herrenlosen Streuner eingestuften kranken Kater über die Kantonsgrenze hinaus transportierte und schlussendlich einschläferte. «Ich hatte zu diesem Zeitpunkt Notfalldienst. Hätte man den Kater zu mir gebracht, hätte ich sagen können, dass ich ihn kenne und dieser unter intensiver tierärztlicher Behandlung steht. Es handelte sich um eine massive Fehlinterpretation des Tierschutzgedankens.»
Der Tierschutz ist Johannes Kaufmann denn auch ein grosses Anliegen: «Es gibt einerseits seriöse Tierschutzorganisationen wie den Schweizer Tierschutz STS, die tolle Arbeit leisten, und auf der anderen Seite gibt es beispielsweise Tierheime, die Personen ab 65 Jahren keine Hunde vermitteln wollen, obschon die Leute ja genau in diesem Alter Zeit für ein Haustier haben. Auch Organisationen, die manchmal vor allem auf das Geldmachen aus sind, leisten einen schlechten Beitrag für wahren Tierschutz. Die mafiösen Importe von Tieren aus dem Ausland, die im Prinzip einfach aus einer Massenzucht stammen, um damit Geld zu verdienen, sind ebenfalls zu verurteilen.»
Bei den «Zweibeinern» sind die Notfallstationen oft überlastet, weil Kreti und Bleti wegen jedem «Bobo» gleich die Aufnahme aufsuchen. Ist dem auch bei den Haustieren so? «Es ist tatsächlich ein Problem. Halter, die sich nicht informieren und nicht entsprechend ausgebildet sind, rennen oft wegen jeder Bagatelle in die Praxis», erklärt Johannes Kaufmann, der auch heute noch als fachlicher Berater in der Tierarztpraxis CareVet in Trimbach aushilft. Es habe auch schon Anrufe in der Nacht gegeben, weil die Katze rollig (paarungsbereit und daher laut jaulend) sei. Ein besseres Wissen über das eigene Haustier würde die Tierarztpraxen stark entlasten. Daher bedauert Kaufmann auch, dass die Politik das nationale Obligatorium für Hundekurse (SKN) in der Schweiz Ende 2016 abgeschafft hatte.
Weiter komme es gelegentlich zu schwerwiegenden Konflikten mit der Klientel – oft Personen, die mit dem Stress, ein krankes Tier zu haben, nicht klar kommen. «Es kam schon vor, dass morgens um zwei Uhr ein Grossaufmarsch in der Praxis stattfand. Der Druck auf die diensthabende 25-jährige Tierärztin war dermassen gross, dass sie Hilfe anfordern musste. Daher muss sich niemand wundern, dass man kaum noch gute Leute findet, welche Notfalldienst leisten wollen.» Auch zu Sachbeschädigungen sei es schon gekommen: «Wenn du in der Nacht jemanden hast, der die Praxis verwüstet, weisst du die Arbeit der Polizei umso mehr zu schätzen, die in solchen Fällen stets sofort zur Stelle ist», so Kaufmann.
In finanzieller Hinsicht ist das Bücherschreiben für Johannes Kaufmann wenig lukrativ. Es geht ihm mit seinen Geschichten vor allem darum, die wunderbaren Erfahrungen, die sich im Umfeld der Tierarztpraxis abspielten, den Menschen näher zu bringen. Kaufmann selbst sieht keinen Rappen vom Erlös des Buches: «Das Geld, das mir zustünde, kommt vollumfänglich dem Verein ‹Menschen für Tiere in Not› zugute, den ich mit Sylvia Limacher, Patrick Handschyn und Philippe Kaufmann gegründet habe.» Der Verein trägt mit seiner Arbeit dazu bei, dass kranke oder verletzte Haustiere eine adäquate medizinische Behandlung erhalten, wenn die Tierhalter über zu wenig eigene Mittel verfügen.
Johannes Kaufmann hilft aber nicht nur Tieren in der Schweiz, er schaut auch heute noch, über vier Jahrzehnte nach seinem ersten Besuch in Gambia, mehrmals pro Jahr im westafrikanischen Land vorbei. «Als ich in den 80er-Jahren mit meiner Frau und den Kindern dorthin zog, wurden insbesondere meine Kompetenzen über Parasitologie benötigt. Es war schon ein ziemlicher Kulturschock, als wir ankamen: Die Menschen lebten sehr einfach, telefonieren war nicht möglich und in der Trockenzeit herrschten Temperaturen von bis zu 50 Grad – es war eine andere Welt.»
Damals betrieb Kaufmann jedoch nicht nur Forschung vor Ort, er eröffnete auch eine Buschklinik für einfache Eingriffe – häufig bei Geburtsproblemen und Infektionen von Zugtieren wie Eseln oder Kühen. Die Buschklinik existiert bis heute und Kaufmann schaut aktuell regelmässig vorbei, um chirurgisches und basismedizinisches Wissen zu vermitteln. «Da Gambia eines der heissesten Länder der Welt ist, zeige ich beispielsweise, wie Infusionen gemacht werden können, um zu verhindern, dass die Jungtiere an Dehydration sterben. Dazu reicht ein einfacher Gummischlauch, eine Infusionsnadel, eine Petflasche, neun Gramm Salz pro Liter Wasser und schon hat man eine isotonische Flüssigkeit.» Solche und weitere Anwendungen übt Kaufmann mit den Menschen vor Ort, damit sich diese auch ohne Kaufmanns Anwesenheit um ihre Tiere kümmern können.
Wer mehr über Johannes Kaufmann erfahren möchte, hat heute Abend die Gelegenheit dazu, wenn in der Buchhandlung Schreiber in Olten die Vernissage seines neuen Buches gefeiert wird. Infos zum Verein «Menschen für Tiere in Not» finden Sie online auf der Website: www.menschenfuertiereinnot.ch
David Annaheim
Autor: Johannes Kaufmann. 125 Seiten, gebunden. Knapp Verlag. Im Buchhandel erhältlich.
Vernissage: Heute Freitag, 27.3., um 20 Uhr in der Buchhandlung Schreiber. Eintritt CHF 20.– (mit SchreiberCard CHF 15.–). Im Anschluss Apéro mit musikalischer Untermalung von Michael Erni.
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